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Schon wieder, deutsche sch-einheit
Nach dem Mauerfall kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen People of Color, vor allen Dingen Afro-Deutsche. Das berichtete die Poetin May Ayim in ihrer 1993 veröffentlichten Sammlung „Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung“. 1990 schrieb sie ihr berühmtes Gedicht grenzenlos und unverschämt / ein gedicht gegen die deutsche sch-einheit.¹ Mit den Ergebnissen der Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg werden auch jetzt unverblümt Deutschlandfahnen gehisst, im Takt zu menschenverachtenden Abschiebesongs.
In Ayims Schriften ist alles aufbewahrt, was heute noch wichtig ist. Damit hat sie damals wie heute Realitäten benannt, wie Olumide Popoola 2021 treffend schreibt: „Ich fühle mich gespiegelt, gesehen, benannt. Ich kann sein, weil May da ist.“²
Es wird kälter und dunkler. Es ist Oktober und dieser Oktober ist schlimmer als der letzte, obwohl wir uns das damals nicht ausmalen konnten. Wollten. Ich denke daran, wie Menschen an Rassismus sterben. Und wenn wir das sagen, dann ist vielen unklar, auf welch vielfältige Weise das geschieht: Ich halte den Gedichtband von May Ayim blues in schwarz weiss / nachtgesang in den Händen und denke daran, wie sie an Rassismus gestorben ist. Sie beschrieb in ihrer Poesie oftmals eine Art der stillen Gewalt. Ihr Widerstand konnte zwar laut, aber manchmal auch ebenso still antworten:
(…)
es ist ein blues in schwarz-weiß
1/3 der welt
zertanzt
die anderen
2/3
sie feiern in weiß
wir trauern in schwarz
es ist ein blues in schwarz-weiß
es ist ein blues
(…)
(Auszug: blues in schwarz weiss, 1990)³
May Ayim erhielt keine Empathie von der Mehrheitsgesellschaft.
…hm, verstehe.
Kannst ja froh sein, daß de keine Türkin bist, wa? Ich meine: ist ja entsetzlich,
diese ganze Ausländerhetze,
kriegste denn davon auch manchmal was ab?
‚…‘
(…)
(Auszug: afro-deutsch II, 1985)⁴
Keine Empathie für den Schmerz, der einem selbst fremd ist: Das ist das deutsche Motto, schauen wir auf die Palästina-Solidarität, die sich in Deutschland in Grenzen hält und wenn sie da ist, mit dem Knüppel bezahlt wird. Menschen, die ihrer Trauer, ihrer Solidarität oder Wut über den genozidalen Krieg gegen Palästina Ausdruck verleihen, werden hierzulande politisch verfolgt. Doch das Entsetzen darüber bleibt aus. Es bleibt ebenfalls aus, wenn die deutsche Berichterstattung ihre Seriosität verrät, indem sie sich so deutlich von derer anderer Länder unterscheidet. Das Entsetzen ist jedoch da: Aber es muss geheim gehalten und anonymisiert werden, es soll immer die richtige Formulierung finden, leise und zwischen den Zeilen sein – dann, ja nur dann darf man auch in einer Talkshow etwas sagen. Darf man?
(…)
und während sich
politiker
in
affären verwickeln
und
aufrüstend
zu anstand und ordnung
ermahnen
werden
die wenigen
rebellinnen
als terroristinnen
verbrannt
(…)
(am anderen ende der revolution, 1986)⁵
Welcome refugees, you have the choice between two of the following options:
a) give up your complete identity
b) be called a terror… you know what
Oh, you don’t like any of those options? That’s too bad, because we do our best to keep those in great condition: through our tv show debates and the high circulation of springer press and…
Z.B. führen wir eine Debatte über migrantische Messerstecher. Und die AfD tut ihr Bestes, ihren „Einzelfallticker“ zu befüllen, dessen Meldungen Straftaten enthält, die durch migrantisierte Menschen begangen werden. Auch wenn diese Meldungen nur selektiv und über die Hälfte von ihnen nicht verifizierbar sind. Lügenpresse! Ist ja alles erlaubt. „Muslime, die unsere Werte teilen, gehören zu Deutschland.“ Der Rest bitte nicht. AbtreibungsgegnerInnen? Herzlich wilkommen, how Christian of you! How democratic! MACHT EUCH UNS GLEICH. – könnte die CDU statt ‚Integration‘ ebenfalls sagen. Dann winkt sie mit Leckerlis für die Tiere:
(…) Ach Menschenskind! Das ganze Elend in der Welt!
Sei’n Se froh,
daß Se nich im Busch geblieben sind.
Da wär’n Se heute nicht so weit!
(…)
(afro-deutsch I, 1985)⁶
Wir: demokratisch – ihr: Busch. Wir: demokratisch – ihr: abschiebepflichtige Messerstecher. Kapiert?!
Weißes misbehavior gibt es nämlich nicht. Oder zumindest kaum.
Ja, wir haben Faschisten, die Anschläge verüben. Aber vor allem haben wir einen abschiebepflichtigen Messerstecher in Solingen. Ja, wir haben jeden zweiten Tag deutsche Männer, die (‚ihre‘) Frauen und INTA* umbringen. Aber vor allem haben wir einen abschiebepflichtigen Messerstecher in Solingen. Ja, wir haben Faschisten, die euch am helllichten Tage im Bus, in der Bahn, auf der Straße oder in der Schule bedrohen und angreifen. Aber vor allen Dingen haben wir einen abschiebepflichtigen Messerstecher in Solingen. Ja, wir haben 2024 Stand 2. Oktober 69 Femizide allein in Deutschland. Aber vor allen Dingen einen abschiebepflichtigen Messerstecher. Ja, wir haben monatlich mehrere zu Tode gekommene Opfer durch Polizeigewalt, aber vor allen Dingen…
Es skandieren immer wieder Menschen, how silence is violence – dabei denke ich ständig, dass die falschen Menschen adressiert werden: Denn diese violent silence kommt nicht einfach aus einer Anerkennung der Grausamkeiten, die dann verschwiegen werden. Sie geht viel tiefer… Es entsteht der Eindruck, da ginge einen etwas nicht an. Diese silence, die so gewalttätig ist, ist nicht jene, die aus Angst da ist, sondern es ist jene, die sich leicht anfühlt: Eine Leichtigkeit des Seins, die man nur empfinden kann, wenn das Leben so gestaltet ist, dass es einen wirklich nichts angehen muss. Es ist ein luxuriöses Schweigen, eins, das mit Polizeigewalt geschützt wird, fast wie das Privateigentum, das einem ein angenehmes Leben ermöglicht. Und das Leid, das wird dann zum Störfaktor, der diese Harmonie des Schweigens bedroht. Und um dieses Schweigen noch besser zu schützen, gibt es dann das Ersatzschweigen:
(…)
kaffeetrinken
im entsetzen
über mord und täglichen tod
plaudernd
hoffnung und zorn
wachsen
zu
jute-statt-plastik-aktionen
(…)
(am anderen ende der revolution, 1986)⁷
Doch da, zwischen den Zeilen, den gedrosselten Instagram-Accounts und gelöschten Stories, den Gesprächen im Privaten, auf dem Schulhof, in der Pause…da schwirrt eine Botschaft in diesen Zwischenräumen. Man will sie zwar nicht hören, auch wenn sie ins Fernsehen eingeladen wird, aber sie ist da und sie ist unvermeidbar:
(...)
1/3 der welt vereinigt sich
gegen die anderen 2/3
im rhythmus von rassismus sexismus und antisemitismus
wollen sie uns isolieren unsere geschichte ausradieren
oder bis zur unkenntlichkeit
mystifizieren
es ist ein blues in schwarz-weiß
es ist ein blues
doch wir wissen bescheid – wir wissen bescheid
1/3 der menschheit feiert in weiß
2/3 der menschheit macht nicht mit.
(blues in schwarz weiss, 1990)⁸
3. Oktober 2024
Ila Mägdefrau
Literatur
1: Vgl. Das Jahr 1990. Heimat und Einheit aus afro-deutscher Perspektive. In: Ayim, M. (1997). Grenzenlos und unverschämt / May Ayim. (1. Auflage). Orlanda-Frauenverlag.
2: Popoola, Olumide: Vorwort zur Neuausgabe. In: Ayim, M. (2021). blues in schwarz-weiss / nachtgesang. Insurrection Notes, Vol. 13. (2. Auflage, 2022). UNRAST-Verlag.
3: Ayim, May: blues in schwarz weiss. In: Ayim, M. (2021). blues in schwarz-weiss / nachtgesang. Insurrection Notes, Vol. 13. (2. Auflage, 2022). UNRAST-Verlag. Hier: S.90.
4: Ayim, May: afro-deutsch II. In:(Ebd.) Hier: S.33.
5: Ayim, May: am anderen ende der revolution. In:(Ebd.) Hier: S.89.
6: Ayim, May: afro-deutsch I. In:(Ebd.) Hier: S.26.
6: Ayim, May: am anderen ende der revolution. In:(Ebd.) Hier: S.88.
3: Ayim, May: blues in schwarz weiss. In: (Ebd.) Hier: S.90.