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4 Jahre Hanau
Selbstorganisiertes Gedenken als Widerstand
Es war hier Still auf diesem Kanal. Es ist aber nicht so, als wären die Ereignisse der letzten Wochen nicht an mir spurlos vorbeigezogen. Mein Kopf dreht sich (auch weil ich gesundheitlich angeschlagen bin), denn ich möchte etwas sagen, doch so Vieles lässt mich sprachlos zurück. Ich formulierte einen wutentbrannten Text über die hässliche Fratze namens Deutschland, die Fratze, die die ganzen Bilder der ganzen letzten Jahre produzieren. An der Stelle dieses Posts sollte er erscheinen, doch nun habe ich mich dagegen entschieden. Andere und Anderes bekommt dafür Raum.
Ich danke Çetin Gültekin, Migrantifa Berlin, Lower Class Jane, Simin Jawabreh und Şeyda Kurt für Eure Inputs, die mich zu diesem Text inspiriert haben.
Seit 2020 halte ich jedes Frühjahr inne und lasse viele Gefühle zu, die ich oft verdränge (was ich mir ungern eingestehe). Diese Gefühle bedeuten aber Widerstand: Auch wenn die Sprachlosigkeit eine Reaktion meiner Überwältigung ist, zeigt sie, dass ich nicht abgestumpft bin, nicht aufgegeben habe. Und ich weiß, dass es viele Menschen gibt, denen es auch so geht.
Ja, wir sind alle sehr müde. Aber was mir Kraft schenkt, ist nicht ein Ausruhen vor der Glotze, das ewige Ablenken. Wellness, Selfcare – das ist der Eskapismus, der mir in Wahrheit Kraft kostet.
Viele Menschen haben die letzten Monate getrauert. Viele Menschen trauern still, schon viel länger, weil sie sich nicht gehört fühlen. Dabei werden diese Gefühle – auch die der Wut und der Hoffnung – medial ständig in Szene gesetzt. Sie spielen eine große Rolle, wenn es um die Glaubwürdigkeit von Politiker:innen geht, wenn vor einer Wahl politische Überzeugungsarbeit geleistet werden sollte.
Sprechen wir also für einen Augenblick über unsere Gefühle.
Unsere Gefühle befinden sich nicht in einem Vakuum, ganz für uns alleine: Sie werden auch staatlich organisiert, wenn bspw. entschieden wird, wie eine Gedenkstätte auszusehen hat und wo sie platziert wird. Ob eine Gedenkfeier stattfindet oder nicht, welche Politiker:innen dafür anreisen, oder nicht.
Dabei wird auch implizit vorgeschrieben, wie wir zu trauern haben: Familien, die ihre Trauer über Palästina „falsch“ ausdrücken; Überlebende und Angehörige des rassistischen Attentats in Hanau, denen dieses Jahr keine institutionell organisierte Gedenkfeier zugestanden wird.
Es werden klare Zeichen gesetzt: durch offene, auch physische Repressalien, durch das Sprechen oder Schweigen von Politiker:innen, durch die Kränze, die medial protokolliert, niedergelegt werden – oder auch nicht.
Die Gefühle der Betroffenen treten dabei in den Hintergrund. Unsere Gefühle existieren in erster Linie nicht für einen Staat: Ihre Widerständigkeit fängt dort an, wo sie sich dem staatlichen Apparat entziehen.
Entsprechend lassen wir sie nicht zu institutionalisierten Ritualen verkommen: Mölln, Solingen, NSU, Hanau: Keine Gedenkfeier ging mit Konsequenzen einher. Im Gegenteil: Wie ein Spielball werden sie auf das politische Machtfeld geworfen, um dann als Vehikel eines Behauptungskampfes zwischen Poltiker:innen und Meinungsmacher:innen zu dienen. Unsere Gefühle werden dann zur perfekten Ressource für Politiker:innen, um ihre rassistische Politik, die sich gegen uns wendet, beschwichtigend einzusetzen.
Staatlich ritualisiertes Gedenken lenkt davon ab, dass keine Konsequenzen gezogen wurden: Alle Ermittlungen zum rassistischen Attentat in Hanau wurden eingestellt. Aufgeklärt hat die Recherchegruppe Forensic Architecture sowie kritische Journalist:innen, – nicht deutsche staatlichen Behörden. Und das ist egal: Zu versagen, nicht auf wissenschaftliche Gutachten zu hören, liegt in ihrer Natur.
Unsere Trauer tragen wir in die Communities, dort wo wir uns Kraft spenden, miteinander auf Augenhöhe sprechen können und uns zusammenschließen, um etwas zu tun. Überwältigend ist: der wunderschöne Rosenstrauß aus Veranstaltungen, Panels, Demonstrationen, Gedenkkundgebungen und Zusammentreffen, der durch die Community entsteht – und nicht durch staatlich vorgegebene Abläufe, die niemals ohne eine insgeheime Agenda auskommen, in der die Betroffenen nicht enthalten sind. Auf diese Weise bedeutet Trauer Widerstand.
Die Initiative 19. Februar hat sich ihre Trauerarbeit, für sich selbst und für so viele von Rassismus Betroffene selbst geschaffen. Çetin Gültekin hat mit seinem Buch Geboren, aufgewachsen und ermordet in Deutschland seine Gefühle zu einen klassenkämpferischen Text des Widerstands verarbeitet. Die Familie Kurtović kämpft unermüdlich für eine lückenlose Aufklärung, die auch juristisch anerkannt wird. Serpil Temiz Unvar betritt jede Bühne mit einer Botschaft der Hoffnung. Gruppen in ganz Deutschland haben sich vernetzt und kommen den bundesweiten Aufrufen der Initiative 19. Februar nach.
Dieses Denkmal haben sich Communities geschaffen und zwar auf eine Art und Weise, wie es die parlamentarische Politik es nie hätte tun können und auch niemals getan hätte: Und die involvierten Menschen können es bezeugen, denn für dieses Monument mussten sie gegen eben diese Politik ankämpfen.
Nach den eigenen Maßregeln trauern, Wut zeigen, aber auch Freude und Hoffnung ist politisch: Allein deswegen schon ist selbstorganisiertes Gedenken Widerstand: Unsere Solidarität ist furchterregend; für die Strukturen, gegen die wir ankämpfen. Für diejenigen, die sie tragen.
Erinnern heißt verändern.
Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu
– Rest in Power.