Grafikbeschreibung: Eine 3d-Animation des Männer-Geschlechtssymbols mit dem Pfeil in dem in der Mitte des Kreises ein trauriger Emoji weint. Der Pfeil des Symbols zeigt auf die Überschrift, die da lautet: This is Art!

Oh boy! Let’s make some Art about Täterschaft!

Trigger-Warnung: Dieser Artikel thematisiert ein reales Ereignis sexualisierter Gewalt und den Diskurs über dieses Ereignis, sowie Zitate des Täters.

Vor etwa vier Wochen wurde die Anthologie „Oh Boy: Neue Männlichkeit*(en)“ released und vor etwa vier Wochen meldete sich in der Kommentarspalte des Releaseposts eine Person zu Wort, die preisgab, die Betroffene eines Übergriffs zu sein, der in einem der Texte über Täterschaft thematisiert wird - vermeintlich aus der Perspektive eines lyrischen Ich. Erst nachdem die Kritik auf Social-Media viral ging, reagierte der Verlag.

Einer der Grundsätze meines (und nicht nur meines!) Feminismus ist es, Betroffenen patriarchaler – d.h. damit auch sexualisierter – Gewalt zu glauben und ihnen immer den Vorrang dabei zu geben, wie mit der Tat und dem Täter verfahren werden sollte. Es gilt schlicht und ergreifend, ihnen die Kontrolle zurückzugeben. Im Umkehrschluss müssten sich Täter, die nach ihrer Tat feministisch handeln wollen, an diesen Grundsatz halten.

Sicherlich nicht daran gehalten hat sich der Schriftsteller Valentin Moritz, der dabei öffentlichkeitswirksam sogar vorgab feministisch zu handeln: Unter dem Releasepost des Buchs formulierte die Betroffene vor vier Wochen, wie sie nicht wolle, dass die „gewaltvolle Aneignung ihres Körpers“ durch Moritz Gegenstand seiner Texte werde. Das ist eine simple Forderung und doch, so schreibt die Betroffene in ihrem kürzlich veröffentlichten Statement, ging es in einem Gespräch mit Valentin, ein viertel Jahr nach der Tat, nicht um ihr Wohlbefinden, sondern darum, „wie er weiterhin Teil des Buchprojekts zum Thema Männlichkeit im Hier und Jetzt bleiben könne“.

Entsprechend dem Grundsatz, den ich formulierte, möchte ich nicht für die Betroffene sprechen, wenn es darum geht, was hier ein besserer Vorgang gewesen wäre (abgesehen davon, dass Moritz die Veröffentlichung hätte unterlassen sollen). Stattdessen möchte ich über etwas sprechen, das meiner Expertise eher gerecht wird: Die Frage, wie es sein kann, dass Künstlerbiografien als getrennte Sphäre von jener Kunst wahrgenommen werden, die die Gewalt der jeweiligen Künstler gegenüber Frauen zum Gegenstand hat. Schließlich handelt es sich hier nicht um ein einzelnes Versäumnis eines Schriftstellers, sondern um die Fehleinschätzung eines ganzen Verlags und weiterer Involvierter darüber, was ‚von der Kunstfreiheit gedeckt‘ sei.

So sorry

Erst als ein wunderhübscher feministischer Shitstorm in der Kommentarspalte des Instagramaccounts des Literaturhauses Rostock entflammt war, nachdem dieses angekündigt hatte, die Lesung mit Moritz abgesagt zu haben, reagierte der Verlag mit einem ersten Statement. Darin ist klar formuliert, dass es keinerlei Verbindung zwischen dem literarischen Text, der „eine Täterschaft“ thematisiere, und dem, was die Betroffene hervorgebracht hatte, gebe. Der Verlag entschuldigt sich lediglich dafür, dass „sich eine Person trotzdem in diesem literarischen Text wiedererkennt.“ Ja, das ganze Projekt, Täterschaft zu thematisieren, sei nur ein „literarischer Versuch“ und höchst anonymisiert, um die Privatsphäre zu wahren. Der Verlag wirft entsprechend die „hochkomplexe“ Frage auf, ob denn überhaupt „über sexualisierte Gewalt aus Täterperspektive gesprochen werden sollte“.

Wie inkonsistent es klingt, Privatsphären zu achten, aber nicht von ‚realen‘ (sondern nur literarischen?!) Ereignissen zu sprechen, fällt offenbar – wirft man einen Blick in die Kommentarspalten – nicht nur mir auf. Als der Druck immer weiter stieg, bemerkte der Verlag, der zuvor mit sehr patriarchalem Verfügungsrecht vorangeschritten war, dass er damit nicht durchkommen würde. Er gestand in einem weiteren Statement, dass er „über einen tatsächlichen Vorfall in Kenntnis gesetzt wurde”, jedoch dieser und Miterhausgebende*n Donat Blum in Moritz’ Text einen Weg gesehen hätten, – Achtung, diese Formulierung ist an Dreistigkeit nicht zu übertrumpfen - „dem Nein der Betroffenen zu entsprechen”. Für das Gaslighting, das sie mit dem vorherigen Statement angerichtet hatten, entschuldigten sie sich hingegen nicht.


Vor diesem Hintergrund bekam man leicht den Eindruck, dass ihre Frage, ob Täterschaft thematisiert werden dürfe, nur Code für ihre eigentliche Frage war: Was denn die Bedingungen für einen Täter wären, um überhaupt über seine und nicht „eine“ Täterschaft zu schreiben. Schließlich war dies die Ausgangssituation, wie sie auf ihre unbeholfene Art später zugaben. Ich kann mir ihren Gedankengang gut folgendermaßen vorstellen: Schlichtweg nicht über Täterschaft zu schreiben, wäre das nicht auch Cancel Culture? Würde das nicht, wie Moritz formuliert, die „Abwehr- und Schweigespirale – die insbesondere unter cis-hetersexuellen Männern herrscht“ weiter fortsetzen? Ja, schulden wir es den Frauen und INTA* nicht, laut in die Welt zu posaunen, dass wir Gewalttäter sind?!

Blicken wir auf Literatur und Kunst, sieht es jedoch nicht gerade danach aus, als würde Täterschaft totgeschwiegen werden. Ganz im Gegenteil: Vom True-Crime-Femizid in Heinz Strucks Der goldene Handschuh über lyrische Ergüsse Till Lindemanns bis hin zum Abfeiern des Übersexisten Charles Bukowski oder Tolstois Anna Karenina – die Liste ließe sich bis ins Unendliche fortschreiben. Überall sind Täter. Und in Büchern wie in Camus’ Der Fremde oder Nabokovs Lolita ist sich der Protagonist seiner Täterschaft auch einigermaßen bewusst.

Ein wenig Theorie

Wie viel Täterschaft in der Kunst thematisiert wird, ist nicht zuerst mir, sondern insbesondere Literaturwissenschaftler*innen aufgefallen, die sich mit der Stellung des „Weiblichen“ in der Kunst befasst haben. Darunter Sigrid Weigel, die den Philosophen Walter Benjamin anführt, um von der „Tötung des Weiblichen im Schöpfer-Mythos“ zu sprechen.¹ Sehr knapp umrissen, besagt Benjamins These, dass die Entstehung des (Kunst-)Werks immer das „Weibliche“ benötige. Doch damit der Meister schließlich auch zum alleinigen Schöpfer wird, und so als „Erstgeborener“ hervorgeht, muss das Weibliche überwunden werden: Das Weibliche, das als „Stoff“ in das Werk eingeht, wird daher im selben Prozess verbraucht und ‚stirbt‘ ab. Die Kunstproduktion, so konkludiert Weigel, verdankt sich also dem Ausschluss der Frau.² Ein halbes Jahrhundert später beschreiben die Literaturwissenschaftlerinnen Sandra Gilbert und Susan Gubar diesen Vorgang aus der Perspektive der Frau: Sie sprechen von „killing women into art“.³

„Ich denke, dass der krampfhafte Versuch, keinerlei Verbindung zwischen dem erlebten Ereignis und Moritz’ Text herstellen zu wollen, genau jenem Ausschluss der Frau entspricht“

Der*die Mitherausgeber*in Donat Blum argumentiert in einem mittlerweile gelöschten Kommentar (dessen Screenshot Blum mir nicht aushändigen wollte), dass Valentin Moritz‘ Text nichts mit der Betroffenen zu tun hätte: „KEINERLEI Verbindung zu konkreten Personen oder Vorfällen […]. Entsprechend konnte gar keine ‚Erlaubnis‘ eingeholt werden.“ Ich denke, dass der krampfhafte Versuch, keinerlei Verbindung zwischen dem erlebten Ereignis und Moritz’ Text herstellen zu wollen, genau jenem Ausschluss der Frau entspricht: Moritz’ Fantasie, einen konstruktiven Umgang mit seiner Täterschaft durch seinen Text zu pflegen, ließ sich nur aufrechterhalten, indem die Perspektive des Opfers schlichtweg weggelassen wurde. In diesem Prozess der ‚Selbst-Schöpfung‘, wie ihn Weigel auch nennt, sollte sich jetzt ein Täter in einen Advokaten kritischer Männlichkeit verwandeln.

Biografien und Authentizität

In einem (auch mittlerweile gelöschten) Interview weist Moritz selbst darauf hin, dass die Vorgabe darin bestand, zwar literarische Texte herzustellen, jedoch ebenso „gerne“ „mit einem persönlichen Anklang“, also Texte als Form der „Selbstbefragung“. In einem anderen Interview spricht er ganz unbefangen, gar heroisch, darüber, wie er aus einer „schlimmen Situation“ noch irgendwie „das Beste daraus macht, was möglich ist”. Dass ihm seine Scheinheiligkeit zahlreiche Journalist*innen auch noch abkauften, macht sie zum Teil des Problems.

Gerne biografisch, gerne authentisch sind Worte, die heute oft auf dem Literaturmarkt fallen: Wir leben nun einmal in einer Kultur des Authentischen, zumindest laut den Soziologen Andreas Reckwitz und Charles Taylor. Wann Literatur ‚authentisch‘ wirkt, ist ein Fass, das ich hier gar nicht aufmachen will – klar ist aber, dass das lyrische Ich nicht irgendeine mit dem Autor völlig unverbundene Entität ist: Wenn der Kanon Verlag im Klappentext schreibt, „Ein Mann, der sich die eigene Übergriffigkeit eingesteht“, will er wirklich damit aussagen, dass hier jemand ganz zufällig über „einen“, also irgendeinen Mann, schreibt? Ein autobiografischer Anstrich erhöht den Marktwert, das muss ich keinem Verlag erzählen. Nur kommt es darauf an, von wem. Die Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert liefert dutzende Beispiele dafür, wie jegliche autobiographische Hinweise von Frauen und BiPoC oft als trivial abgetan werden, während weiße Männer dadurch eher die Möglichkeit erhalten, richtig deep zu wirken. „Ein Mann, der sich die eigene Übergriffigkeit eingesteht“, drängt die Betroffene und ihre Geschichte in den Bereich des Verborgenen zurück: Denn ihre Biografie kommt nicht als große Kunst daher: Sie ist wahr und sie ist schmerzhaft. Und sie ist vor allen Dingen eins nicht: für den kapitalistischen Markt leicht verwertbar.

Wessen Geschichte?

Ich kann mir den ungeheuren Schmerz nicht vorstellen, der entsteht, wenn jemand mein Leid zu seiner Story macht. Ich würde mir deshalb wünschen, dass sich jeder Verlag die Frage stellt, welche Biografien aus welchem Grund monetarisierbar gemacht werden. Welche Stimmen im Verborgenen bleiben, weil die Aufmerksamkeit auf eine andere Stimme gerichtet wird. Die eigene Geschichte nur aus der Sicht eines anderen betrachten zu können, ist das, was Marginalisierte erleben, wenn sie Geschichtsbücher durchlesen. Wie furchtbar es ist, sich die Geschichte einer Einzelperson gegen ihren Willen anzueignen, sollte daher selbstverständlich sein.

Die eigene Geschichte erzählen zu dürfen, bedeutet jedoch viel mehr als das Schildern von Ereignissen aus der eigenen Perspektive. Es bedeutet, über diese Geschichte verfügen zu dürfen und damit auch über die eigene Biografie. Verfügen bedeutet ein Narrativ zu formen, einen sehr viel größeren Anteil der Macht darüber zu haben, wie sich ein Ereignis darstellt. Für Marginalisierte, denen diese Macht nicht zukommt, bedeutet daher das Erzählen ihrer eigenen Geschichten eine Machtverschiebung, ein: Oha, aus dieser Perspektive klingt das aber anders!

Ich bin froh, dass die Betroffene mit ihrem Statement Gehör findet. Aus diesem Grund bitte ich Dich als Leser*in dieses Artikels dieses Statement auch zu lesen. Klicke einfach hier.

20. August 2023
Ila Mägdefrau

Literatur & Anmerkungen

1: Weigel, S. (1990): Topographien der Geschlechter : kulturgeschichtliche Studien zur Literatur / Sigrid Weigel. Orig.-Ausg. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

2: Ebd.

3: Gilbert, Sandra M./Susan Gubar (1979): The Madwoman in the Attic. The Woman Writer and the Nineteenth-Century Literary Imagination. New Haven/London.

4: Das Interview erschien auf der Instagram-Seite des Kanon Verlags im Rahmen der Digitalpremiere des Buchs. Dieses wurde mittlerweile entfernt. Da ich jedoch frühzeitig mit dem Schreiben des Artikels begonnen hatte, konnte ich dieses Zitat sichern.

5: Reckwitz, A. (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten : zum Strukturwandel der Moderne / Andreas Reckwitz. Erste Auflage. Berlin: Suhrkamp.
Taylor, C. (1991): The ethics of authenticity / Charles Taylor. 5. print. Cambridge, Mass. [u.a: Harvard Univ. Press.

6: Seifert, N. (2021): Frauen Literatur : abgewertet, vergessen, wiederentdeckt / Nicole Seifert. 1. Auflage. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

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