Grafik: In einem Pop-Art-Stil gezeichnet, lächelt uns eine weiblich markierte Person durch die Kameralinse ein. Eine Gedankensprechblase sagt 'verpiss dich, bitte'.

Warum wehre ich mich nicht?

Trigger-Warnung: Dieser Artikel thematisiert Gesetzgebungen zur sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung.
Der Teil für den die CN gilt, haben wir für Euch farblich markiert.

Meine Scham frisst mich auf: Ich werde belästigt und wehre mich nicht. Diese Untätigkeit erscheint mir als eine Schandtat, die es locker mit der Belästigung selbst aufnehmen könnte. Oder bin ich zu hart zu mir?

Mein Hausmeister fasst mich an. Nein, es handelt sich nicht um Missbrauch. Er sucht jede Gelegenheit, um mich unter einem Vorwand umarmen zu können. Um mir zum neuen Jahr zu gratulieren oder um mich zu ‚trösten‘, weil ich sage, dass ich momentan gestresst bin. Er streichelt sogar meine Wange, wenn er mir, wie etwa neulich, ‚alles Liebe zum neuen Jahr wünscht‘. Er belästigt mich – ist dabei stets freundlich, gelassen, merkt es nicht einmal.

Und ich? Ich stehe da wie ein kleines Mädchen und antworte auch noch auf seine belanglosen Fragen, die er wie ein tropfender Wasserhahn eine nach der anderen stellt, nur damit das Gespräch nicht abbricht. Auch wenn ich nichts zurückfrage, zwischen dem ganzen Lächeln und Nicken unfassbar passiv-aggressiv ihm gegenüber bin. Ich gebe alles, denn dann kommen sie: diese kurzen Augenblicke, wo meine Aggressionen zu ihm durchdringen, und ich seinem Blick ansehe, dass er ganz genau erkennt, wie falsch mein Lächeln ist; dass hinter diesem nichts weiter steckt als pure Verachtung. Nur kann er diese Gedanken leider schnell wieder verdrängen und die nächste belanglose Frage stellen. Das männliche Ego steckt voller Wunder.

Wenn ich auf der Straße belästigt werde, lasse ich für gewöhnlich niemanden davonkommen. Ich stelle sie zur Rede, kann richtig rumpöbeln – oder ich frage zumindest, was ihr Problem sei. Ich verschwende auch keine zwei Gedanken daran, bis ich den Mund aufmache. Geht es um meinen Hausmeister, verschwende ich hingegen einen ganzen Artikel lang Gedanken und mache dennoch nichts.

Ich frage mich: Wird er geschockt sein, wenn ich ihm sage, dass ich mich belästigt fühle? Und sich denken: „Das kommt aber plötzlich! Hat sie nun etwa ihre Meinung geändert?“? Wird er mich dafür beschuldigen, dass ich nicht früher etwas gesagt habe und er ja deshalb auch keine Ahnung haben könne, dass man fremden Menschen nicht einfach so ins Gesicht fasst und ihre Wohnung ungefragt betritt? Wird er Rache nehmen, so dass ich bei Problemen in der Wohnung vielleicht keine – oder zumindest nicht so schnell Hilfe bekomme? Von jemandem belästigt zu werden, dem man nicht aus dem Weg gehen kann, ist ätzend: Es sorgt dafür, dass FLINTA* aus ihren Jobs herausgeekelt werden, ihren Sportverein wechseln müssen oder beim Ausharren alleine mit den psychischen Folgen klarkommen müssen. Es passiert am laufendem Band und Menschen fragen noch ernsthaft, warum der Ruf nach FLINTA*-Räumen so laut ist.

Noch wütender macht mich jedoch die Ignoranz der Aggressoren. Sie scheinen nicht zu merken, welchen Raum sie einnehmen. Wenn wir einfach weglaufen, ist unsere Abwesenheit augenscheinlich ungefährlich; keine zu spürende Lücke, die als Gespenst noch ihre letzte Drohung ausspricht. Diese Menners denken maximal: „Die hatte wohl irgendein Problem, deshalb ist sie jetzt weg. Schade um ihren Hintern!“. Dass ihre Belästigung ein territoriales Gebiet markiert (wir sind im Krieg!), ist ihnen gar nicht bewusst. Es ist Teil ihrer Sozialisierung, die Ihnen wiederholt versichert, dass sie sich richtig verhalten und dass entsprechend des postfeministischen Gleichheitsideals jede:r auch selbst dafür verantwortlich sei, wie viel Raum man(n) sich nehme (I’m talking to you, Svenja Flaßpöhler). Unser Lächeln ist zu oft ein falsches, doch das angepasste Verhalten lockt mit dem süßen Versprechen, dass unterm Strich weniger Strafen folgen. Wohingegen der Preis mit dieser ‚Unehrlichkeit‘ zu leben höher sein kann als zuerst erahnt (wie soll ich mir noch in den Spiegel sehen?!), so dass die Kalkulation unklar wird: Ist es Resignation oder schon Fatalismus?

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Die bürgerliche Moral ruft: Aber wie sollte sich etwas verändern, wenn Ihr nichts kommuniziert? Wie sollten die Menners wissen, was sie ändern sollten? Erwartet ihr, dass sie Eure Gedanken lesen sollen? Mein falsches Lächeln ist in Wahrheit nichts anderes als die Untat des Lügens! Als ich begann diesen Text zu schreiben, habe ich mich sehr geschämt, bis ich mich daran zurückerinnerte, welche Historie sich hinter dem ‚Sich-Wehren‘ von Frauen verbirgt: Bis 2017 musste in Deutschland Gewalt angedroht oder angewandt werden, damit eine Vergewaltigung als solche strafrechtlich verfolgbar war. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass der geleistete ‚Widerstand‘ des Opfers eine juristische Rolle spielte (in der Schweiz und in Österreich gilt diese Regulierung übrigens noch).

Die Erneuerung des Gesetzes zur sexuellen Selbstbestimmung von 2017 bleibt dennoch verbesserungswürdig: Nach wie vor muss für die Täter:innen erkennbar sein, dass der Übergriff vom Opfer nicht gewollt war. Nur was impliziert diese Regelung? Müssen wir Unwillen kommunizieren? Welche Pflicht besteht dazu? Muss ich Menschen davor ‚bewahren‘ Täter:innen zu werden, indem ich mich laut und deutlich mitteile? Und welche Grenzen des Intelligiblen, des Sagbaren und Unsagbaren gelten für die Artikulation dieses Unwillens? Das Gewaltelement des Übergriffs, das zuvor laut des Paragrafen enthalten sein musste, war letzten Endes nur eine andere Art der Regulierung dessen, wie der weibliche (oder als solcher markierte) Wille auszusehen hatte¹: Das ‚Nein‘ reichte nämlich zuvor nicht, um sich ‚zur Wehr‘ zu setzen und auch mit der Reform reicht es nicht, wenn dieses für den:die Täter:in zu undeutlich ausgesprochen wird. So steht im Eckpunktepapier des Gesetzesentwurfs: „[…] Es kommt also nicht allein auf den inneren Willen des Opfers an, sondern ob das Fehlen der Zustimmung zu sexuellen Handlungen aus einer Außenperspektive erkennbar war“.² Noch bis 1997 hat das Jawort den Willen zum Beischlaf „bis dass der Tod uns scheidet“, in die Eheurkunde einlaminiert. In anderen Worten: Eine Vergewaltigung in der Ehe kam einem logischen Denkfehler gleich und konnte also erst ab 1997 strafrechtlich verfolgt werden. Der § 179 regelte vor der Änderung 2017, dass auch der Missbrauch ‚widerstandsunfähiger Personen‘ strafbar war; dennoch benötigte es hier eine fachärztliche Meinung – eine etwa subjektiv empfundene Schockstarre reichte nicht aus. Was das ‚Sich-Wehren‘ anbelangt, ist es niemals unvermittelt; Justiz, Gerichtsurteile und gesellschaftliche Moralvorstellungen sind jene Instanzen, die nach wie vor die Gewalt über die Deutungshoheit des ‚Sich-Wehrens‘ inne haben.

Ende der Triggerwarnung

Und sowenig ich meine ungemütliche Situation mit meinem Hausmeister mit einer Vergewaltigung gleichsetzen möchte, so wenig geht mir aus dem Kopf, dass meine Reaktion mehr wiegen sollte als sein Verhalten. Ich begann diesen Artikel mit Scham, verurteilte mein ‚falsches Lächeln‘ als Lüge – jetzt frage ich mich, ob es sein könnte, dass ich vielleicht doch nicht in der Pflicht oder gar Schuld stehe mich zu wehren. Tatsächlich fürchte ich auch das Urteil anderer FLINTA* (vielleicht sogar am meisten?). Denn meine Untätigkeit wird auf andere abgewälzt; und zwar auf die nächste Person. Es nützt nichts; für eine Emanzipation benötigt es Widerstand – nicht Notwehr. Ich fühle mich müde. Müde von dieser Care-Arbeit, Männern die Welt zu erklären, stets bedacht darauf meine Argumentation zugänglich, freundlich und möglichst wenig bedrohlich (dafür mit einem Maximum an Effizienz) zu gestalten. Dabei weiß ich, dass eine Art der Objektivität in unseren Forderungen enthalten ist, die jenseits der Tatache der augenscheinlichen Parteilichkeit unserer Münder gültig ist. Ja, mein Hausmeister könnte von selbst auf die Idee kommen, dass er sich wie ein sexistischer Grobian verhält. Aber wenn ich ihn nicht mehr zurückfrage, wie es ihm geht, bemerkt er immerhin die Spannung in der Luft. Vielleicht besteht ein Teil eines emanzipatorischen Widerstandes darin, dass wir uns aussuchen können, wie dieser Widerstand auszusehen hat: Ich habe einen Artikel lang Gedanken an ihn verschwendet, statt ihn zu konfrontieren, und das ist okay. Ich habe daraus gelernt, dass die Frage danach, welche ‚Gegenwehr‘ es zur fraglichen Tat gibt, keine Rolle für dessen Beurteilung spielen darf.

14. April 2022
Ila Mägdefrau

Literatur & Anmerkungen

1: Bei diesem Gesetz geht es natürlich nicht nur um einen weiblichen Willen; Jede:r kann Opfer sexualisierter Gewalt werden. Jedoch hatten (gerade bei der Gesetzesänderung, die 2016 beschlossen wurde) die Politiker:innen vordergründig cis Frauen vor Augen, denen die Reform dienen sollte. Um der Frage nach sexualisierter Gewalt nachzugehen, sollte aufgrund unserer patriarchalen Strukturen dieses Thema meiner Meinung nach immer die Vergeschlechtlichung dieser Straftat mitreflektieren.

2: Sanyal. (2016). Vergewaltigung : Aspekte eines Verbrechens / Mithu Melanie Sanyal. (2., neu durchgesehene und korrigierte Auflage). Edition Nautilus. Hier: S. 166.

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