Grafik: Im Hintergrund Wolken, oben schebt die 'You've got Mail'. Darunter befindet sich ein geöffneter Briefumschlag, aus dem ein Blatt herausspickt mit der Inschrift 'perverse texte' und einem süßen Hund.

perverse texte

Polemik gegen das Patriarchat

Unsere erste Fanpost polterte als Droh-Mail eines Familienmitglieds ins Postfach. Ich habe mir die Zeit genommen, diese auf ihre patriarchalen Strategien hin zu analysieren.

Am 25. November 2021, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen*, entschloss sich ein Familienmitglied von mir (Typ alter weißer cis Mann), digitale Gewalt gegen mich, eine weibliche Verwandte, auszuüben, indem es um 09:44 Uhr eine Mail verschickte. Unsere erste private Droh-Mail stammte also wider Erwarten nicht von irgendeiner anonymen Incel-Quelle, sondern von einer mir bekannten Person, die sogar ihren Klarnamen benutzte. Die Mail sollte der Einschüchterung dienen, mich zum Schweigen bringen und damit in die Sphäre des Privaten zurückverweisen. Da das Private jedoch politisch ist, veröffentliche ich diese perversen Zeilen und liefere im Folgenden eine polemische Analyse derselben. Jegliche Namen, die Rückschlüsse auf die Identität der beteiligten Personen erlauben würden, sind geschwärzt – erstens um nicht in Schwierigkeiten zu geraten und zweitens weil es mir hier nicht um irgendwelche individuellen Familienfehden geht, sondern um das Aufweisen patriarchaler Strukturen in der „Privatheit“ der Familie. Die Mail liest sich wie folgt:

Von:  xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
Gesendet: Donnerstag, 25. November 2021 09:44
An: post@sanfte-zerstoerung.de
Betreff: perverse texte  

Hallo xxxxx,
das, was ihr verbreitet ist nicht nur wirr. Sondern auch menschenverachtend! Zahl deinem vater das Schulgeld und alle kosten deines Studiums zurück. Kannst du ja nicht, da du zu faul bist zu arbeiten und nur spätpubertären scheiß von dir gibst! Geh endlich arbeiten und entschuldige dich bei deinem vater. Du bist, wie der xxxxx ein Schandfleck der Familie! In xxxxx  solltest du dich nimmer sehen lassen, sonst mache ich publik, dass du dich von einem Jesuiten hast schwängern lassen.

Gesendet von Mail für Windows

Angesprochen werde ich mit „Hallo [Kindheitsspitzname].“ Das „Hallo“ dient hier als patriarchaler Weckruf – ähnlich einem besoffenen Schrei über den Kasernenhof. Dieser Schrei soll mich aus dem woken Sumpf befreien, den ich vor einigen Jahren zu meinem Habitat erkoren habe. Auf das „Hallo“ folgt mein Kindheitsspitzname. Mir wohlgesonnene Verwandte dürfen diesen immer noch verwenden – er klingt dann wie Honig in meinen Ohren. In einer Droh-Mail klingt er eher wie ranzig gewordenes Öl und dient ferner einer patriarchalen Strategie, und zwar der Infantilisierung. Frauen und andere nicht cis-männliche Personen werden im Patriarchat gerne infantilisiert, d.h. verkindlicht. Kindern sprechen wir in unserer Gesellschaft nämlich Handlungsfähigkeit ab. Wenn Frauen mit Kindernamen angesprochen werden, wird auch ihnen die Fähigkeit zum Handeln abgesprochen. Sie brauchen dann einen gestandenen Mann, der für sie Entscheidungen trifft.


Weiter geht es mit dem Vorwurf, wir würden wirres Zeug verbreiten – auch dies eine typische patriarchale Strategie! Sie nennt sich Pathologisierung. Soziale Phänomene – wie etwa Sexismus und die Kämpfe gegen all seine Formen – werden hierbei für krank erklärt und damit relativiert. Lange Zeit warf man Feminist:innen oder Frauen, die ihre Meinung lautstark vertraten, Hysterie – Gipfel weiblicher Pathologisierung – vor. Dieses Wort geht auf das altgriechische ὑστέρα (hystéra) zurück, was zu Deutsch Gebärmutter heißt. In der Antike dachte man(n), dass die Gebärmutter, sofern sie nicht oft genug männliche Samen gefüttert bekäme, im Körper umherschweifen und zu psychischen Leiden, zu Hysterie also, führen würde. Heute wissen wir Feminist:innen, dass unser Uterus keines einzigen Samens bedarf, um das Patriarchat zu stürzen.


Als nächstes wird uns Menschenverachtung diagnostiziert. An dieser Stelle ist eine human getarnte Täter-Opfer-Umkehr (victim blaming) am Werk, die vielen social justice warriors schon mal untergekommen ist: So wird antirassistischen Aktivist:innen vorgeworfen, sie würden durch den Verweis auf rassistische Strukturen erst besagten Rassismus heraufbeschwören; feministischen Aktivist:innen wird entgegengeschleudert, dass gendersensible Sprache oder das Fordern von Quoten sexistisch sei. Die Unterdrückten werden zu Unterdrückern und die Unterdrücker zu armen Opfern der woke culture. In vorliegendem Untersuchungsobjekt wird auf den ersten Blick noch mal einer draufgesetzt: Wir seien menschenverachtend. Im Patriarchat aber gilt die Formel Mensch=Mann. Und so schrumpft der Vorwurf zur ausgeleierten Parole zusammen, dass Feminist:innen Männer hassen würden. Dabei hassen wir doch nur Sexisten.


Im weiteren Verlauf der Mail wird mir befohlen, meinem Vater Geld für meine Erziehung zurückzuzahlen und endlich arbeiten zu gehen. Es wäre interessant, philosophisch zu ergründen, ob Kinder ihren Eltern für die Aufzucht etwas schuldig sind. Um tiefe philosophische Fragen geht es hier jedoch nicht. Was an dieser Stelle geschieht, muss als Projektion bezeichnet werden: Mein Verwandter, der als Millionenerbe seit Jahrzehnten nicht gearbeitet hat, überträgt Anteile seiner eigenen verdrängten Komplexe auf mich. Projektionen geschehen auch auf struktureller Ebene, und zwar dann, wenn Frauen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, die durch das Patriarchat konstruiert wurden und seiner Aufrechterhaltung dienen, dann aber so getan wird, als wären es „natürliche“ Eigenschaften. Immerhin wird mir befohlen, einer Lohnarbeit nachzugehen (eher „unnatürlich“ für Frauen). Das „Zurück an den Herd!“ scheint sogar für eingefleischte Schergen des Patriarchats zu vulgär geworden zu sein.


Aber, so lese ich weiter, ich bin ja eh zu faul arbeiten zu gehen. Puh – nochmal Glück gehabt! Dann eben zurück an den Herd; Care-Arbeit ist ja eh keine Arbeit. Und feministischer Aktivismus, aka „spätpubertärer scheiß“ auch nicht. Der spätpubertäre Scheiß ist übrigens die große Schwester der bereits erwähnten Infantilisierung: Menschen in der Pubertät sind noch nicht ganz erwachsen, ergo brauchen auch sie einen männlichen Vormund – den Vater. Dieser wird in der Mail zwei Mal angerufen. Das ist so banal patriarchal, dass es hierzu keiner weiteren Interpretation bedarf. Feministischen Aktivismus als „spätpubertären scheiß“ zu bezeichnen, hat die Depolitisierung desselben zum Ziel. Es wird so getan, als gehe es gar nicht um soziale, durch spätpatriarchalen Scheiß verursachte Missstände und den Kampf gegen diese, sondern um irgendwelche Hirngespinste gelangweilter Mädels.


Zu guter Letzt wird mit dem archaischsten aller patriarchalen Werkzeuge aufgewartet: der Schande. Ich sei – gemeinsam mit einem anderen Verwandten – „der Schandfleck der Familie.“ Weil dem Absender aber kein wirklicher Grund für meine Schandhaftigkeit einfällt, greift er kurzerhand zu einer Lüge und verbindet diese mit einer Drohung: Ich solle mich nicht mehr in [kleines Dorf in Süddeutschland] blicken lassen, sonst würde er publik machen, ich hätte mich von einem Jesuiten schwängern lassen. In seiner Welt soll mich dieses drohende Öffentlichwerden einer frei erfundenen Lüge in derartige Scham versetzen, dass ich mich sofort füge und aufhöre Feministin zu sein. In der Welt des Strafgesetzbuches handelt es sich hierbei um eine Verleumdung nach § 187. Aber keine Angst, liebes Onkelchen: Vater Staat werde ich vorerst nicht mit Deinen perversen Zeilen behelligen. Beim nächsten Mal vielleicht schon. Vorerst genügt mir die Analyse Deiner patriarchalen Poesie.


Das Sahnehäubchen der ganzen Mail – den Betreff – habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Dieser lautet „perverse texte“ und ich fand ihn so schön, dass ich ihn sogleich als Titel für vorliegende Analyse wählte. Feministische Kämpfe als „pervers“ zu bezeichnen, stellt wieder bereits behandelte Pathologisierung dar: Die Ansprüche, die Feminist:innen stellen, werden als krankhaft abgetan und ihre Geltung damit untergraben. Dass sich die feministischen Anliegen auf Probleme beziehen, die der sozialen, politischen und ökonomischen Wirklichkeit angehören, wird geleugnet. So kommt hier erneut die Depolitisierung zum Zug. Als Reminiszenz an Rosa von Praunheims skandalträchtigen Film von 1971 bleibt mir in Bezug auf die vermeintliche Perversion unserer Kämpfe nur zu antworten: Nicht die Feministin ist pervers, sondern die Situation, in der sie lebt!


Um das Patriarchat in seinen letzten Zuckungen zu zerstören, um seine Strategien der Infantilisierung, der Pathologisierung, der Täter-Opfer-Umkehr, der Projektion, der Depolitisierung, der Anrufung von Scham, Schande und Vater auszuhebeln, müssen wir uns gemeinsam organisieren. Deshalb rufe ich hiermit aus: spätpubertäre, hysterische, schandbefleckte und perverse Queerfeminist:innen aller Länder, vereinigt Euch!

7. April 2022
Marie Esterházy

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