Falsche Feindinnen

Zur unproduktiven Kluft zwischen »Theorie« und »Praxis«.

In unserem Philosophiestudium setzen wir uns schon lange mit Fragen der Emanzipation im weitesten Sinne auseinander. Als wir dann vor zwei Jahren in aktivistische Kreise gestolpert sind, stellten wir schnell fest, dass die politischen Ideen, die dort kursierten, nur wenig mit denen unserer Seminare zu tun hatten. Zunehmend beschlich uns ein Unbehagen im universitären Kontext, da wir den Eindruck hatten, dort fehlte der Bezug zu unserer politischen Praxis. Zugleich überkam uns ein ungutes Gefühl, wenn wir in Plena oder auf der Straße mit Argumenten in Berührung kamen, die Theoriegebäude sehr grob vereinfachten oder gar verfälschten. Die Uni schien einen Mythos der Straße zu kreieren, während die Straße einen Mythos theoretisch-politischer Ideen schmiedete.

Vor Augen geführt wurde uns dies im Sommer 2018, als wir voller Aufregung und Aufbruchsstimmung den internationalen Kongress zur Emanzipation in Berlin besuchten. Das Auditorium der TU war vollgestopft und das studentische Publikum nahm noch jeden letzten Platz auf den Böden, Stufen und Sitzen ein. Es fühlte sich alles unglaublich wichtig an: Hier tauschte man sich intellektuell über die kommende Revolution mit Akademiker:innen aus aller Welt aus. Zur selben Zeit, unweit der Siegessäule, wo der Kongress stattfand, fuhren Wägen über Wägen mit Technomusik, um die „AfD weg[zu]bassen“. Nun mussten wir uns entscheiden: Sollten wir wirklich zu dem Vortrag gehen, der uns möglicherweise wichtige Anstöße zur politischen Aktion geben würde, oder sollten wir uns nicht besser direkt auf die Demonstration begeben, die wenige hundert Meter entfernt an uns vorbeizog? Für manche mag die Antwort auf der Hand liegen, für uns war das jedoch nicht der Fall.

Ein Kommilitone argumentierte an jenem Sommertag bei der Mittagspause des Kongresses, dass wir ohne eine vorhergehende Theorie doch gar nicht wissen würden, was praktisch zu tun sei. Doch stimmte das? Unsere ‚woke‘ Diskussionskultur bedient sich zwar vieler Begriffe aus der Wissenschaft, dennoch auch einiger, die im akademischen Umfeld nicht oder kaum geläufig sind. In der Philosophie wird zwar darüber gesprochen, dass das Politische dann am Werk ist, wenn die „Anteillosen ihren Anteil einfordern“ (Jacques Rancière), doch ob wir FLINTA* (Frauen, Lesben, Inter, Non binary, Agender) oder Frau* sagen, was Intersektionalität wirklich bedeutet, was kulturelle Aneignung darf und was nicht, wird bei diesen Gesprächen merkwürdigerweise nicht thematisiert. Dabei sind diese Fragen durchaus Gegenstand vieler Theorien, nur eben nicht so explizit. Diese Begriffe, die zuerst wissenschaftlich scheinen, stellen gefühlt mehr eine spezifische Sprache im aktivistischen Alltag dar, die geschaffen wurde, um Theoriegebäude für den aktivistischen Gebrauch fit zu machen. Uns beschlich in dieser Situation wieder das bereits erwähnte Unbehagen.

Im Zuge dieses Unbehagens sollte man allerdings nicht in die gängigen Klischees zurückfallen, die oft lauten: Im Aktivismus gehe es um brennende Barrikaden und fliegende Steine, während das Theoretisieren der Emanzipation nicht imstande sei, die Welt zu verändern. Diese Klischees lassen sich leicht entkräften: So kann ein Buch bisweilen gefährlicher und zerstörerischer sein als ein Molotow-Cocktail; eine Demo hat manchmal nicht den gewünschten politischen Tsunami zur Folge, sondern löst lediglich eine sanfte Woge auf Twitter aus.

Ohne bestreiten zu wollen, dass es vielleicht unbedachten Tatendrang und theoretische Enklaven gibt, die sich vom Rest der Welt abschirmen, stellt sich die Frage, warum Theorie und Praxis stets gegenübergestellt werden und was ihre Trennung rechtfertigt. Nicht selten werden diese Register begleitet von bzw. fälschlich vermischt mit anderen Dichotomien: Revolution vs. Reformation, Kopf- vs. Handarbeit, Überbau vs. Basis, gewalttätige Ausschreitung vs. friedlicher Protest. Manchmal erhebt sich die Theorie-Praxis-Dichotomie zum Anti-Intellektualismus und zur Anti-Wissenschaftlichkeit; so als wäre die Theorie nur eine maskierte Form hegemonialer Machtausübung, von der sich der Straßenkampf befreien müsse.

In diesem Zusammenhang sei etwa die Ablehnung der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Virologie vonseiten der sogenannten Coronaleugner:innen genannt. Oder Trumps Angriff auf die ‚intellektuellen Eliten‘. Doch auch aus der linken Ecke kommen ähnliche Vorwürfe. Sahra Wagenknecht zum Beispiel hält die Identitätspolitik für eine Debatte unter Privilegierten, an der Menschen im Niedriglohnsektor kaum teilnehmen würden. Dabei scheint sie zu vergessen, dass der Begriff der Identitätspolitik selbst von mehrfach diskriminierten Personen geprägt wurde, und zwar von Mitgliedern des Combahee River Collective, einem feministischen Kollektiv Schwarzer lesbischer Frauen. In ihrem Manifest von 1977 betonen sie schon im ersten Absatz, dass sich ihr Kampf gegen „racial, sexual, heterosexual, and class oppression“ richte. Der Klassenkampf wird von ihnen also explizit mitgedacht – er ist Teil der Identitätspolitik. Für sie ist Identitätspolitik etwas Radikales und keine weichgespülte akademische Diskussion unter Privilegierten: „We believe that the most profound and potentially most radical politics come directly out of our own identity […].“

Gleichzeitig gibt es Positionen, die bei Theoriegebäuden stehen bleiben und die politische Praxis als Aktionismus be- und somit abwerten. Adorno etwa warf den Studierenden, die ‘68 revoltierten, Aktionismus vor und verblieb indes beim bloßen Theoretisieren über die (Un-)Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung. Die Theorie schien für ihn der Aktion voranzugehen. Auch unser Kommilitone am Mittagstisch erhob die Theorie zum Primat, räumte ihr also den Vorrang ein; womöglich war es ihm gar um die Aufrechterhaltung einer theoretischen Reinheit gegangen – einer Reinheit, die im Übrigen schon in den 1980er Jahren die postkoloniale, feministische Denkerin Gayatri Spivak ihren dekonstruktivistischen Kolleg:innen als falsches Ideal vorgeworfen hatte. Damit wäre er nicht alleine gewesen: Oft genug haben wir es erlebt, dass in Seminaren philosophische Theoreme wie kostbare Fossilien gehandhabt wurden, deren historische Reinheit zu erhalten oberstes Gebot zu sein schien. Jeder Versuch, die alten Theorien etwas zu entstauben und auf unser heutiges Leben anzuwenden, wurde mit einem süffisanten Lächeln und den immergleichen Argumenten weggewischt.

Sowohl im anti-intellektualistischen, populistischen Lager, das sich die Praxis-Orientierung auf die Fahnen schreibt, als auch im theoretischen Elfenbeinturm wird die Theorie-Praxis-Dichotomie als ein Konkurrenz­kampf, vielleicht sogar als Feindinnenschaft inszeniert. Hierbei handelt es sich jedoch um eine rhetorische Strategie, mithilfe derer die Herrschaft einer Seite über die andere gerechtfertigt wird. Je nach politischer Agenda wird entweder der Theorie oder der Praxis der Vorzug gegeben, um die andere Seite zu delegitimieren. Dabei wird oft verschleiert, dass die Abgrenzung vom feindlichen Register gerade den eigenen Standpunkt erst ermöglicht. Der Aktivismus hat uns gelehrt, dass diese Feindinnenschaft nicht aufrechtzuerhalten ist. Wir haben Menschen erlebt, die nicht studiert haben und im Niedriglohnsektor arbeiten, und dennoch auf eine geschlechtergerechte und inklusive Sprache achten. Wie bereits erwähnt, entstammen auch einige Begriffe, die heutzutage im urbanen, woken Umfeld auf der Tagesordnung stehen, Kämpfen, die von mehrfach unterdrückten Menschen ausgetragen wurden. Die politische Aktion ist immer schon mehrdeutig bezogen auf Theorie und Praxis, auch wenn einem das manchmal erst im Nachhinein bewusst wird. Desgleichen erkennen wir politische Aktionen und Situationen bisweilen erst retrospektiv, also rückblickend, d.h. ‚zu spät‘. Unpolitische Situationen betrachten wir so heute als politische. Zum Beispiel könnte man sagen, dass der sogenannte ‚Mädelsabend‘ schon eine Art safer space darstellte, auch wenn er meist cis Frauen vorbehalten war und durch ihn ‚weibliche‘ Stereotype reproduziert wurden. Stichwort: Sekt und Romcoms. Ohne den male gaze konnte in diesen Situationen jedoch spielerischer und experimenteller mit Genderrollen umgegangen werden. Heute veranstalten wir keinen Mädelsabend mehr, sondern gehen in die Bar, wenn FLINTA*-Abend ist. Diesen Shift haben wir durch verschiedene und mehrdeutige Praxen vollzogen: durch das Lesen von feministischen Texten, durch das Solidarisieren mit anderen FLINTA*, durch das Aktivwerden. Dass wir dies alles als Praxen bezeichnen, zeigt schon, wie absurd die starre Theorie-Praxis-Dichotomie anmutet – insbesondere in politischen Kämpfen.

Mit unserem Webprojekt Sanfte Zerstörung versuchen wir nicht, diese Theorie-Praxis-Dichotomie aufzulösen. Das wäre sowohl unmöglich als auch etwas unbescheiden. Vielmehr ist uns daran gelegen, die falsche Feindinnenschaft zwischen den beiden Registern sichtbar zu machen und zu zeigen, dass beide schon längst heimliche Liebesaffären miteinander haben. Lassen wir einem Register jedoch den Vorzug, droht dieses mit seiner Macht das andere zu tyrannisieren. Sie mögen sich zwar nicht versöhnen lassen, doch ihre Mischformen waren schon immer da: als uneindeutige fragmentierte Hybride an den sich überschneidenden Rändern der Dichotomie.


via GIPHY


Der Cyborg in Donna Haraways gleichnamigem Manifest ist ein derartig hybrides Mischwesen: „The cyborg is a matter of fiction and lived experience that changes what counts as women’s experience in the late twentieth century.“ (Haraway 2016: 6) Er entstammt den sozialen Verhältnissen, den realen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen, in denen wir leben, und dennoch ist er eine utopische Figur, die aufzeigt, was in Zukunft sein könnte. Er verwischt die Grenzen zwischen dem Menschen und anderen Organismen und bricht Identitäten auf. Das westliche, weiße und männliche Denken ist eine Erzählung der Identität und damit Kontinuität. Diesem Identitätsnarrativ setzt Haraway eine fragmentierte Erzählung entgegen, die klar abgegrenzte Identitäten letztlich verunmöglicht:

„With no available original dream of a common language [...] but written into the play of a text that has no finally privileged reading or salvation history, to recognize “oneself” as fully implicated in the world, frees us of the need to root politics in identification [...]. Stripped of identity, the “bastard” race teaches about the power of the margins [...].“ (Haraway 2016: 58)

Fragmentierte Cyborg-Identitäten gibt es schon jetzt für Haraway. So könnten etwa Women of Color als solche verstanden werden bzw. als „potent subjectivity synthesized from fusions of “outsider” identities [...].“ (54) Diese Mischung verschiedener marginalisierter Identitäten kann nicht gleichgesetzt werden mit der Voraussetzung einer einzigen, einheitlichen Identität.

Das heißt allerdings nicht, dass eine starke Identität im Zuge von politischen Kämpfen nicht als sinnvolles Mittel eingesetzt werden kann. Dies haben wir mit unserem Verweis auf das Combahee River Collective zu sagen versucht. Gayatri Spivak spricht in diesem Zusammenhang von „strategischem Essentialismus“ (Grosz 1985: 185). Das bedeutet, dass von einer starren Identität ausgegangen wird (z.B. „die Frauen“ oder „die Schwarzen“ als universale Gruppe), da dies als Strategie den politischen Kämpfen dienen kann. Zugleich aber besteht das Bewusstsein, dass jene Identitäten immer nur vermeintlich starr und damit provisorisch, dass sie also nicht in Stein gemeißelt sind und damit künftig anderen, offeneren, fragmentierten Identitäten und Subjektivitäten weichen können – wie etwa dem Cyborg.

Gerade die utopische Dimension, auf die der Cyborg hinweist, sprengt auch die Feindinnenschaft zwischen Theorie und Praxis. Denn bisweilen entstehen utopische Theorien, die uns eine noch nicht realisierte Zukunft vorzeichnen und manchmal kreiert eine politische Aktion eine spontane Utopie, die dann wieder in die theoretische Aufarbeitung einfließt. Aber auch die utopische Theorie entsteht nicht im intellektuellen Vakuum. Desgleichen entspringt die utopische Aktion nicht urplötzlich dem Handeln der Menschen, ohne dass sie zuvor eine politische Idee gehabt hätten. Die Grenze zwischen (utopischer) Theorie und politischer Aktion ist nicht zu ziehen. Im Sommer 2018 also, als wir uns zu entscheiden hatten zwischen der Anti-AfD-Demo und der Konferenz zum Emanzipationsbegriff, sahen wir uns mit diesen Themen konfrontiert. Die Entscheidung fiel uns schwer. Letztlich gingen wir doch auf die Demo, liefen aber nach ihrem Ende so schnell wie möglich zurück zur Konferenz. Die Dozierenden selbst hatten uns übrigens dazu ermuntert, auf die Demo zu gehen. Sowohl die Demo als auch die Konferenz waren politische Akte. Welcher wichtiger war, blieb letztlich unentscheidbar.




Essay
07/10/2021, Marie Esterházy & Ila Mägdefrau