Die Tötung des Autors

TRIGGER-WARNUNG:
Kindesmissbrauch, Gewalt an Frauen (bzw. FLINTA1), Vergewaltigung, Femizid, Polizeigewalt
Der Autor, dessen Tod französische Philosoph:innen im letzten Jahrhundert verkündet hatten, muss von den unterdrückten Subjekten erst noch getötet werden. Einen Schritt in diese Richtung macht die Bewegung der collages féministes.
Was ist also der »Humanismus«? Wodurch kann man ihn bestimmen, ohne ihn an den Logos einer Definition zu binden? Durch das, was ihn am weitesten von einer Sprache entfernt: den Schrei (das heißt das Gemurmel), den Schrei des Mangels oder des Protests, den Schrei ohne Wort und ohne Stille, den unwürdigen Schrei oder, äußerstenfalls, den geschriebenen Schrei, die Graffitis an den Wänden.
(Maurice Blanchot, Das Unzerstörbare)

Die untoten Autoren

Eine der einflussreichsten philosophischen Stimmen des 20. Jahrhunderts drohte im April dieses Jahres in Verruf zu geraten: Michel Foucault soll sich während seiner Zeit in Tunis an minderjährigen Jungen vergriffen haben; so zumindest lauten die Vorwürfe, die kürzlich durch die Medienlandschaften all derjenigen Staaten polterten, in denen die Kontinentalphilosophie, noch eine gewisse Geltung genießt. Die als nicht bestätigt geltenden Verdächtigungen stammen von Guy Sorman, einem neoliberalen französischen Essayisten und Politikberater.

Für viele linke, dem Poststrukturalismus zugeneigte Intellektuelle folgte auf diese Gerüchte zunächst der Schock, galt ihnen doch Foucault bis dato als progressive Lichtgestalt – in philosophischer und soziologischer sowie in queerer und sexueller Hinsicht. Zudem war er einer der wenigen namhaften französischen Intellektuellen, die einen 1977 in der Zeitung Le Monde veröffentlichten Brief nicht unterzeichneten. Verfasser des Briefes war ein gewisser Gabriel Matzneff, ein gefeierter pädophiler Schriftsteller, der seine »Kindesliebe«, das heißt seinen Kindesmissbrauch öffentlich auslebte, verteidigte und sogar Werke dazu verfasste. Ein 1974 erschienener Essay etwa trägt den programmatischen Titel Les moins de seize ans (»Die Unter-16-Jährigen«). In besagtem Brief forderte er die Aufhebung des Verbots der Pädophilie in Frankreich und die Freilassung dreier pädophiler Männer aus der Haft; er wurde von links-intellektuellen Größen wie etwa Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre, Gilles Deleuze und Roland Barthes mitunterzeichnet.

Auch wenn Sormans Beschuldigungen von vielen angezweifelt werden, so ist dennoch festzuhalten, dass Foucault ein Verteidiger der Pädophilie war. Den öffentlichen Brief unterzeichnete er zwar nicht, doch einer Petition an das französische Parlament, die die Legalisierung von sexuellen Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen forderte, verlieh er, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Pariser Intelligenz, durch seine Unterschrift Autorität. Was für heutige Ohren skandalös klingen mag, nämlich das öffentliche Eintreten für das Recht auf Kindesmissbrauch, war im damaligen französischen bzw. westeuropäischen Diskurs en vogue. Im Zuge der sexuellen Revolution wollte man auch den Kindern mehr sexuelle »Freiheiten« einräumen.

Foucaults Reputation hatte also, trotz fehlender Beweise für sein Fehlverhalten in Tunis, Schaden genommen. Das liegt vor allem daran, dass der Diskurs sich gewandelt hat und die Pädophilie heute – auch in linken Kreisen – nicht mehr als vertretbar gilt. Sollte man deshalb auch die Autor:innen des propädophilen Diskurses canceln? Also auch die Feministin de Beauvoir? Sollte Foucault von nun als persona non grata denunziert werden? Falls ja, müsste daraus gefolgert werden, dass auch sein Werk auf die Müllkippe der Geschichte gehört? So einfach ist das nicht. Seine Werke sind schon »da draußen«, haben unzählige Geisteswissenschaftler:innen, wie zum Beispiel die Gendertheoretikerin Judith Butler, beeinflusst. Seine Schriften haben eine gewisse Eigendynamik entwickelt und können nicht einfach wegradiert werden wie irgendwelche zufällige Kritzeleien in einem bedeutungslosen Notizbuch. Roland Barthes, einer der Mitunterzeichnenden des bereits erwähnten Briefes, bringt dies in seinem berühmten Aufsatz Der Tod des Autors auf den Punkt: »Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ›Botschaft‹ des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen [écritures], von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur.« (Barthes 2000: 190.) Barthes stellt also die Originalität von Texten infrage, d.h. die landläufige Meinung, dass eine einzige Person verantwortlich sei für die Sinnstiftung eines Werkes. Ebenso ist also auch Foucault selbst nicht allein verantwortlich für die von ihm verfassten Texte, da sich in ihnen verschiedene écritures treffen. Wenn so das Werk aus den Fängen des Autors entrissen wird, folgt daraus, dass die Bedeutung nicht ein für alle Mal von diesem festgelegt wird. Dadurch öffnet sich auch die Rezeption hin zu einer nie abgeschlossenen Interpretierbarkeit des Werkes. Was mit Barthes also ins Wanken geriet, war der Mythos vom schreibenden Genie, das aus sich heraus und ganz autonom ein Werk verfasst. Es kam dadurch zu einer Art Revolution im Literaturbetrieb Frankreichs, da nicht mehr der Autor – einem Gott gleich – vorgefertigte, abgeschlossene Bedeutungen generierte, sondern von nun an die Leser:innen den Sinn stifteten. Diese Hinwendung zum Leser allerdings ziehe den Tod des Autors nach sich: »Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.« (Ebd.: 193)

Foucault verfasste eine Antwortschrift zu Barthes’ berühmtem Aufsatz. In Was ist ein Autor? konstatiert er, dass der Autorname noch als »klassifikatorische Funktion« (Foucault 1988: 17) diene, d.h. als Instrument, das Ordnung in die Vielzahl von Texten bringt. Als für den Text verantwortliches Individuum gilt der Autor auch ihm nicht mehr. Sei das Schreiben Jahrtausende lang Mittel zur Abwendung des Todes gewesen, gebe es dagegen heute eine »Verwandtschaft des Schreibens mit dem Tod.« (Ebd.: 11.) Der Schriftsteller müsse »die Rolle des Toten im Schreib-Spiel übernehmen.« (Ebd.: 12.) Foucault stimmt so Barthes zu, wobei er feststellt, dass der Autor auch tot noch am Werk ist. Er scheint demnach nicht gänzlich tot zu sein, sondern einem Untoten, einem Zombie gleich, vermag er es, noch einen gespenstischen Einfluss auszuüben.

Der Autor bleibt also noch in der postmodernen Proklamation seines Todes lebendig bzw. in seiner Abwesenheit anwesend. Durch den Ausruf des eigenen Todes haben Barthes, Foucault und die anderen Untoten dafür gesorgt, dass ihre Autorität nicht gänzlich schwindet. Bevor jemand anders sie für intellektuelle Leichen erklären konnte, taten sie es kurzerhand selbst. Auch im Tod wollten sie noch Autonomie ausüben und wählten so den Freitod. In ihrem selbst gewählten Tot-Sein konnte ihnen auch ferner niemand mehr etwas ankreiden – wie etwa das öffentliche Eintreten für Pädophilie, das zu ihren Lebzeiten zwar noch in Mode war, heute jedoch out ist. Denn Tote können nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.

Den edlen Freitod gilt es rückgängig zu machen und den wahrlich autor:innenlosen Widerstand auszuloten. Ich plädiere dafür, dass wir die Untoten wecken, um sie daraufhin selbst zu töten! Das heißt nicht, dass Foucault, Barthes, de Beauvoir et al. gecancelt und ihre Werke boykottiert werden sollen. Vielmehr sollen sie einer symbolischen Kastration unterzogen werden: zum einen, indem ihre Autorität ständig hinterfragt wird, zum anderen durch die Prüfung ihrer Theorien und die Aufdeckung darin vorkommender Ungereimtheiten. Im Falle der Theorie vom Tode des Autors haben wir festgestellt, dass diejenigen, die diese vertreten, sie selbst performativ widerlegen. Der Tod kann nicht von den Toten selbst verkündet werden. Entfernen wir uns ein wenig von der akademischen Welt, so entdecken wir, dass bereits politische Aktionen geschehen, die den Tod des Autors weitaus ernsthafter implementiert haben als die französische Intelligenz des letzten Jahrhunderts sich dies je hätte erträumen lassen.

Autor:innenloser Widerstand: les collages féministes

Die Aktionsform, von der die Rede sein soll und die ebenfalls aus Frankreich stammt, ist denkbar einfach. Schwarze Farbe, weißes Papier, Kleister und Quaste bilden das Rüstzeug für den Kampf. Les collages féministes: Schwarze Letter auf weißem Papier, geklebt auf öffentliche Mauern, Gebäude oder Sitzbänke. Sie machen auf das aufmerksam, was oft verschwiegen wird, im Patriarchat jedoch tödlicher Ernst ist. Ihren Ausgang nahm diese Art des Protests 2019 in Paris, von wo aus sie schnell zur Bewegung avancierte und sich im ganzen Land wie ein Lauffeuer ausbreitete. Zunächst ging es vor allem um das Anprangern des im öffentlichen Diskurs oft ausgeblendeten Femizids – also des Mords an einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. Bald schon betrafen die Botschaften die gesamte Bandbreite patriarchaler Gewalt. In Paris etwa wurde gegen den bereits erwähnten Pädophilen Matzneff geklebt.

Ausgehend von Frankreich sprang das Feuer der collages féministes auch auf andere Länder und Städte über. Ob London, Marseille, Berlin oder Montréal: Überall finden sich die schwarzen Buchstaben auf weißem Papier in der Öffentlichkeit – auf Hauswände geklebt, auf Instagram dokumentiert. In Berlin klebt z.B. das Kollektiv Femplak, aber auch andere feministische Gruppen bedienen sich dieser Aktionsform. Dabei geht es nicht darum, welche Gruppe jetzt genau was geklebt hat. Niemand beansprucht geistiges Eigentum an der Aktionsform. Vielmehr wird dem patriarchalen Status quo eine Gegenöffentlichkeit (Vgl. Negt, Kluge 2016) zugeschleudert, von einer anonymen, aber kollektiven, von einer feministischen, kämpferischen und doch heterogenen Stimme.

So hat die Bewegung der collages féministes den Tod des Autors tatsächlich implementiert. Die Aktivist:innen versehen ihre Botschaften nicht mit ihren Unterschriften; die für einzelne Parolen Verantwortlichen sind nicht von Relevanz, es geht einzig und allein um die feministische Message. Ferner werden, wie dies Barthes konstatiert hatte, die Leser:innen zur sinnstiftenden Instanz. Sie sind nicht mehr nur Adressat:innen, sondern durch ihre Reaktionen auf der Straße oder im Internet kreieren sie erst den Diskurs, in den die collages sich einweben.

Allerdings könnte dem entgegengehalten werden, dass les colleux.ses (die Kleber:innen) ja gerade ein einheitliches feministisches Subjekt zu konstruieren versuchen und den Leser:innen so ein univokes Programm aufbrummen wollen. Dies allerdings ist wenig plausibel, gibt es doch innerhalb der colleux.ses weder eine zentrale Organisation noch eine einheitliche feministische Agenda. Die als Initiatorin geltende Französin Marguerite Stern etwa ist ehemaliges Femen-Mitglied und wird von zahlreichen anderen feministischen Aktivist:innen für transphob gehalten und deshalb abgelehnt.

Nichtsdestotrotz muss im Feminismus eine Subjektivität vorausgesetzt werden, also eine Fähigkeit, die mit dem Tode des Autors eigentlich ad acta gelegt wurde. Andernfalls kann keine emanzipatorische Handlung vollzogen werden; Handlungsfähigkeit setzt für gewöhnlich ein handelndes Subjekt voraus. Nancy Miller, US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin, konstatiert in einem Essay, dass der Tod des Autors nicht notwendigerweise auch den Tod der Autorin nach sich ziehe, da weibliche Autorschaft nicht mit der männlichen, privilegierten gleichzusetzen sei. (Vgl. Miller 2000: 255) Vielmehr könnten »männliche« Modelle nicht gänzlich verworfen werden, wenn ein institutioneller Wandel erfolgen solle. (Vgl. ebd.: 272) Der Autor, wie ihn also Barthes beschreibt, ist in erster Linie ein weißer, cis-männlicher und privilegierter. Diskriminierte Menschen hatten in der Geschichte noch nie die Möglichkeit, eine derartige Autorität oder Subjektposition wie besagter Autor zu erlangen. Deshalb ist es wichtig, den klassischen Autor nicht voreilig zu verwerfen, da es für die Emanzipation wichtig ist, ein kollektives Subjekt zu kreieren, das eine ihm ähnliche Autorität und Handlungsmacht innehat. Die »Gestalt anonymer Textualität« (Ebd.: 252), wie sie Roland Barthes vorschwebt, ist erst dann möglich, wenn alle frei sind.

Dennoch muss der Autor eines Tages gänzlich getötet werden, da er dem Mythos des weißen, männlichen Genies entspringt. An seine Stelle – dies mögen utopische Träumereien sein – könnte eine Gemeinschaft treten, die eine fragmentierte und doch kollektive Schrift produziert. Diese Tötung wird nicht vom einen auf den anderen Tag geschehen, sondern in einem schleichenden Prozess. Wahrscheinlich wird es hybride Mischformen geben, d.h. Schriften, die noch mit den Leichenteilen des kastrierten Autors spielen und eine ähnliche Subjektposition für sich beanspruchen. Zugleich werden sie diese Position sprengen und eine a-subjektive Wahrheit in die Welt schleudern. Womöglich sind die collages féministes bereits ein derartiger Hybrid. Durch ihre Collagen geben die colleux.ses den Opfern des Femizids eine Stimme, die diese nicht mehr haben können. Die Ermordeten werden dabei aber selbst zu untoten Autor:innen, zu Ankläger:innen des ihnen widerfahrenen Verbrechens – nicht durch den philosophischen Freitod, sondern durch ihre Tötung. Sie werden dadurch ihrer Viktimisierung ein Stück weit entrissen und erlangen eine Handlungsmacht zurück, die ihre Mörder ihnen zu nehmen versuchten. Am Horizont scheint so schon eine neue Solidarität zwischen Subjekten auf, die selbst über den Tod hinaus reicht.

Es geht also um weit mehr als um textuelle Autorität und Subjektpositionen. Es geht um Leben und Tod! Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland sein:e Partner:in beziehungsweise Ex-Partner:in zu töten, jeden dritten Tag gelingt es einem. In Frankreich sind die Zahlen ähnlich hoch. Die feministischen Kleber:innen haben es geschafft, diese strukturellen Verbrechen in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen und Druck auszuüben: In Frankreich ist die Zahl von Femiziden seit Beginn der Plakatierungen und darauffolgender gesetzlicher Änderungen gesunken. Im Zuge der Covid-Pandemie haben allerdings die Fälle häuslicher Gewalt insgesamt zugenommen. Die colleux.ses werden auch selbst zur Zielscheibe patriarchaler Gewalt: In Montpellier beschimpfte im September 2020 ein Mann aus seinem Auto heraus vier Aktivist:innen während einer Klebeaktion und drohte ihnen mit Vergewaltigung. Wenig später kam er zurück und überfuhr sie, wahrscheinlich mit der Absicht, sie schwer zu verletzen oder gar zu töten. Zum Glück überlebten alle. In Berlin kam es im Sommer 2020 zu einer äußerst gewalttätigen Festnahme durch die Polizei. Die Kleber:innen, die dabei zu Schaden kamen, hatten Sätze zu Polizeigewalt und insbesondere zu Oury Jalloh geklebt.

Der Tötung des privilegierten Autors, das heißt der Infragestellung des weißen, cis-männlichen Subjekts und der Aneignung seiner Autorität, wird also mit patriarchaler Gewalt begegnet. Das Patriarchat antwortet auf seine Anfechtung mit noch mehr Gewalt. Der Weg ist also noch lang, bis Kinderschänder, Vergewaltiger und Mörder keine Autorität und Macht mehr haben und sich eine neue, horizontale Subjektivität entfalten kann, die ein würdiges, selbstbestimmtes Leben für alle ermöglicht. Der strukturelle Feminizid2 kann nur dann ausgemerzt werden, wenn der Autor getötet wird. Lasst uns also den Autor töten, um selbst zu leben!




Essay
04/07/2021, Marie Esterházy




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